Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. Hebr 13,2 (E)

Grenzöffnung Nov. 1989. Es ging plötzlich alles so schnell. Ich erinnere mich noch, wie wir auf dem Ratzeburger Markt standen und die Menschen in ihren Trabbis, Wartburgs bejubelten und willkommen hießen. Sie wurden spontan eingeladen und es entstanden viele Freundschaften. Das Kaufhaus Mohr öffnete sein Haus nur für Bürger aus der DDR. Gastfreundschaft wurde groß geschrieben und praktiziert. Die Freude war riesig.

Wie viele Engel haben wir wohl damals, ohne es zu merken, beherbergt? Wir wissen es nicht.

Aber es kam dann auch die Zeit danach, wo die Euphorie und die Gastfreundschaft wieder abebbte. Bei vielen veränderte sich das Denken. Neid und Anspruchsdenken kamen auf. Ich erinnere mich an so manchen Kampf in den Läden um Lebensmittel usw., die es in der DDR nicht oder nur selten gegeben hat. Und irgendwann wurde die Gastfreundschaft ausgenutzt und viele Freundschaften zerbrachen daran.

Das griechische Wort für Gastfreundschaft lautet φιλοξενία (gesprochen: philoxenia) und bedeutet wörtlich „Liebe (zum) Fremden“, „Fremdenliebe“. Gastfreundschaft bedeutet, den Fremden aufzunehmen. Gastfreundschaft ist eine ethische Verpflichtung.

Wir sollen den Fremden als Mitmenschen ohne Ansehen der Person sehen und ihn auch so behandeln. Wenn er hungrig und durstig ist, sollen wir Ihn versorgen; ist er fremd und hilflos, sollen wir ihn aufnehmen. (vgl. Mt. 25,35)

Auch heute sind die meisten Flüchtlinge und Fremden, egal wo sie auf der Welt Hilfe oder ein neues Zuhause suchen, sicher dankbar und zufrieden und wollen sich eingliedern, sich integrieren. Ich weiß nicht, wie viele Engel unter ihnen weilen, aber eins ist gewiss: Ein Engel würde niemals die Gastfreundschaft missbrauchen und aufs Spiel setzen.

In 1. Mose 18,1ff wird uns berichtet, dass der HERR Abraham erscheint, um ihm eine große Verheißung zuzusprechen. Mit dem Herrn kommen zwei weitere Männer. Abraham spricht: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, dann geh nicht vorbei. Unbedingt will Abraham dem Herrn und den beiden Männern seine Gastfreundschaft erweisen.

In Kapitel 19,1ff nötigt Lot dann am Abend eben diese beiden Männer, die konkret als Engel bezeichnet werden, bei ihm in Sodom zu übernachten. Durch diese Gastfreundschaft wird Lot vor dem Verderben bewahrt, das Gott über Sodom und Gomorra brachte.

Abraham und Lot gaben alles, um den Gästen Gutes zu tun. Es lohnt sich, das einmal nachzulesen. Die Bibel sagt uns damit, wer Fremde beherbergt, wird Gutes von Gott erfahren.

Auch im Neuen Testament wird viel über Gastfreundschaft berichtet. Auch hier lohnt sich der Blick in die Bibel.

Wie sollen wir aber nun in der heutigen Zeit mit der Gastfreundschaft, wie sie in der Bibel beschrieben ist, umgehen? Mir fällt es oft nicht leicht. Ich kann dann nur diese Frage in Gottes Hände geben und darauf hoffen, dass er mir rechtzeitig die richtige Antwort gibt. Ansonsten tue ich, was zu tun ist.

Harald Krakow